Die gängigen Abstammungsportale haben dazu beigetragen, dass der rechnerische Vollblutanteil in der Abstammung eines Sportpferdes heutzutage nicht mehr mühsam von Hand berechnet werden muss. Immer wieder wird anhand dieser Zahlen unter Züchtern debattiert, welcher Vollblutanteil für ein Dressur-/Spring-/Vielseitigkeitspferd angemessen ist. So mancher berichtet stolz, bei seinen Pferden stets auf einen bestimmten, zahlenmäßig benannten, Vollblutanteil zu achten. Nachfolgend möchte ich aufzeigen, warum diese Annahmen häufig fehlgeleitet sind, und für welche Zwecke der rechnerische Vollblutanteil wirklich nützlich ist.
Was ist das Problem mit dem rechnerischen Vollblutanteil?
Der Vollblutanteil, der in den Abstammungsportalen wie z.B. Horsetelex.com oder Allbreedpedigree.com ausgewiesen wird, ist eine rein rechnerische Größe und hat nur eine geringe Aussagekraft bezüglich des tatsächlichen Vollblutanteils des jeweiligen Pferdes. Warum ist das so?
Bei jeder Verpaarung zwischen Stute und Hengst erhält das spätere Fohlen ca. die Hälfte seiner DNA von jeweils Vater und Mutter. Welche Gene, “welche 50%”, das Fohlen dabei erhält, ist, vereinfacht gesagt, das Ergebnis zufälliger Allokation. Nach dem aktuellen Forschungsstand ist es demnach nicht möglich, vorherzusagen, welche 50 Prozent der DNA des Elternteils das Fohlen erhält. Die gängigen Abstammungsportale legen daher mangels praktischer Alternativen die Annahme zugrunde, dass ein Fohlen immer genau 50% des Vollblutanteils seines Elternteils erhält.

Nehmen wir also an, es werden eine Stute mit 0 Prozent Blutanteil und ein Vollbluthengst verpaart, wird für das Fohlen ein Blutanteil von 50% angesetzt. Bei dieser – hypothetischen – Situation wäre diese Annahme sogar relativ genau und richtig, denn der Vollbluthengst könnte nichts anderes als Vollblutgenetik weitergeben. Moderne Sportpferde haben dagegen infolge der Umzüchtung vom Arbeitspferd zum Sportpferd stets einen gewissen, ohne Gentest nicht genauer bestimmbaren, Vollblutanteil. Damit wird die Rechnung sofort deutlich schwieriger.

Nehmen wir nun zur vereinfachten Darstellung an, dass eine Halbblutstute mit genau 50% mit einem Halbbluthengst verpaart wird. Beide Elterntiere entstammen der hypothetischen Anpaarung aus einem Pferd mit 0 Prozent Vollblutanteil und einem Pferd mit 100% Vollblutanteil. Zur Berechnung wird, mangels besserer Alternativen, zugrundegelegt, dass das Fohlen von jedem seiner Elternteile die Hälfte des Vollblutanteils erhält (also 25 Prozent Vollblutgenetik + 25 Prozent Warmblutgenetik), demnach wird hier als rechnerischer Vollblutanteil, addiert aus den beiden Vierteln der Eltern, insgesamt wieder ein Vollblutanteil von 50 Prozent ausgewiesen. Ob das Fohlen aber im Zuge der weitgehend zufälligen Allokation der entsprechenden Genetik tatsächlich die Hälfte des Vollblutanteils seiner Mutter oder seines Vaters erhalten hat, ist ohne aufwendige genetische Untersuchung nicht zu sagen. Meistens wird dies nicht der Fall sein und es kommt zu erheblichen Abweichungen. Das Fohlen könnte tatsächlich auch nur 35 Prozent Vollblutanteil oder gar 65 Prozent Vollblutanteil haben. Dies ist auch der Grund für die erheblichen Unterschiede, die zwischen mehreren Vollgeschwistern bestehen können – man werfe nur einen Blick auf die eigene Familie.
Wird der Vollblutanteil nun wie in den gängigen Abstammungsportalen auf eine bestimmte Anzahl Generationen berechnet, so kommt es mit jeder zusätzlichen Generation zu weiteren Ungenauigkeiten. Der tatsächliche Anteil Vollblutgenetik in einem Pferd ist anhand der Abstammung demnach bereits in der F2-Generation nach dem erstmaligen Einsatz eines Vollblüters nicht mehr genau zu beurteilen. Bei der gängigen Berechnung auf 9 Generationen mag man sich vorstellen, dass das rechnerische Ergebnis kaum noch Aussagekraft hat. Untersuchungen des Labors Etalon Equine Genetics, bei der die Abstammungen erfolgreicher Vielseitigkeitspferde untersucht wurden, fand dabei Abweichungen des tatsächlichen Vollblutanteils von bis zu 15 Prozent nach oben und nach unten (so berichtet in einem informativen Artikel von EventingNation zu eben diesem Thema). Das bedeutet eine mögliche Ungenauigkeitsspanne von mindestens 30 Prozent.
Wenn nun Pferdezüchter darüber debattieren, ob sie aus den letzten neun Generationen ihres Pferdes 25 bis 30 Prozent Vollblutanteil zusammenkratzen können, muss man schlicht konstatieren, dass es sich dabei um Kaffeesatzleserei handelt. Ein Züchter, der mit drei Stuten mit je rechnerisch 30 Prozent Vollblutanteil züchtet, hat in Wahrheit drei Stuten mit ganz unterschiedlichen Vollblutanteilen, die von außen außerhalb phänotypischer Beobachtungen nicht zu ergründen sind. Stute A könnte (theoretisch) z.B. 5 Prozent Vollblutgenetik haben, während Stute B 35 Prozent Blutanteil hat und Stute C 45 Prozent. Nimmt man bei der Anpaarungsentscheidung dazu noch die ebenso erheblichen Abweichungen im Vollblutanteil des Vatertiers ins Visier, so ist es angesichts der potentiellen Ungenauigkeit des rechnerischen Vollblutanteils nicht auch nur im Ansatz möglich, den tatsächlichen Vollblutanteil des Zuchtprodukts akkurat zu bestimmen.

Ebenso wenig können Rückschlüsse aus den rechnerischen Vollblutanteilen von Sportpferden darauf gezogen werden, ob Unterschiede des rechnerischen Blutanteils in Höhe von 10-20 Prozent mehr oder weniger eine höhere Leistungsfähigkeit des Pferdes bedeuten. Denn bei einer Spanne der Ungenauigkeit von bis zu 30 Prozent ist ein rechnerischer Unterschied von z.B. 10 Prozent zwischen zwei individuellen, unterschiedlich leistungsstarken Pferden nicht aussagekräftig.
Was kann der rechnerische Vollblutanteil?
Es stellt sich also die Frage, ob der rechnerische Vollblutanteil überhaupt einen Nutzen hat. Die Antwort lautet jein – und mit Einschränkungen.
Eine wichtige Funktion hat der rechnerische Vollblutanteil – er erlaubt eine statistische Betrachtung des Vollbluteinsatzes innerhalb einer Population. Beobachtet man also durchschnittlich sinkende rechnerische Vollblutanteile in einer Population, so lässt sich daraus schließen, dass in der Züchterschaft insgesamt weniger Vollblut eingesetzt wird. Steigen die rechnerischen Vollblutanteile, so lässt sich daraus auch schließen, dass insgesamt mehr Vollblut eingesetzt wird. Analysiert man die Pedigrees der Pferde in einer CCI5*-Vielseitigkeit, so werden sich im Durchschnitt höhere rechnerische Vollblutanteile finden, als in einer Dressurprüfung. Für Zuchtverbände und Züchter können diese Daten, insbesondere ein Trend in die eine oder andere Richtung, ein wertvoller Bestandteil der Gesamtanalyse des eigenen Zuchtprogramms sein.
Dem einzelnen Züchter kann der rechnerische Vollblutanteil eines Pferdes anzeigen, ob in den letzten neun Generationen besonders viel oder besonders wenig Vollblut eingesetzt wurde. Daraus lassen sich am oberen und unteren Ende der Skala zumindest einige nicht genauer bestimmte Wahrscheinlichkeiten hinsichtlich der Eigenschaften eines Zuchtprodukts ableiten. Wegen der oben dargestellten Ungenauigkeiten hinsichtlich des tatsächlichen Vollblutanteils lässt sich daraus zwar nicht ableiten, wie das Pferd phänotypisch aussehen wird, oder ob es bestimmte, erwünschte Merkmale des Vollblüters aufweist. Der rechnerische Vollblutanteil hat aber zumindest einen Indikationswert, aus dem sich ablesen lässt, ob es sich um ein sehr blutleeres, oder ein eher hochblütiges Pferd handelt. Besonders wenn die blütigen Vorfahren aber bereits einige Generationen entfernt sind, sind die Ungenauigkeiten dabei jedoch so hoch, dass für die Ableitung züchterischer Aussagen aus dieser Zahl eine Kristallkugel empfehlenswert sein dürfte.
Fazit
Der rechnerische Vollblutanteil ist also keine zuverlässige Methode, um den Vollblutanteil eines Pferdes zu bestimmen. Das gilt umso mehr für moderne Sportpferde, deren Vollblutanteil sich häufig aus den Vorfahren weit entfernter Generationen zusammensetzt. Der einzige Weg, die Vollblutanteile dieser Pferde zu bestimmen, führt über einen Gentest. Einzig für die Bestimmung von Trends in der Gesamtpopulation der Warmblutzucht lässt sich aus den Vollblutanteilen eine aussagekräftige Bilanz ziehen.
Was können Züchter nun stattdessen tun, wenn sie Wert auf Vollblutgenetik legen? Dieser Frage werde ich mich demnächst in einem weiteren Blogpost widmen.

Leave a comment