Wer sind die Neuzüchter in der deutschen Pferdezucht? Ein Appell an die Zuchtverbände

Es ist allgemein bekannt, dass die Pferdezucht keine einträgliche Beschäftigung ist. In den vergangenen Jahren haben Inflation, steigende Tierarztkosten und sinkende Zahlen der Reitsportler allgemein dazu geführt, dass viele alteingesessene Züchter die Pferdezucht aufgegeben haben. An ihre Stelle tritt nun teilweise eine neue Generation der Züchter mit völlig anderen Voraussetzungen. Ein interessanter Prozess, der langfristige Auswirkungen auf die deutsche Pferdezucht haben dürfte.

Was sagt die Statistik?

Die Zahlen des FN-Abschlussberichts 2024 zeigen einen Abwärtstrend in der Reitpferdezucht, der schon seit Jahren in Gang ist: 2024 waren insgesamt 2690 Zuchthengste registriert, im Vergleich zu 2839 Hengsten im Vorjahr.

Waren 2023 noch 52.276 Stuten als Zuchtstuten registriert, waren es 2024 nur noch 50.195 Zuchtstuten.

Aus 30.894 Bedeckungen in 2022 wurden 2024 noch 23.809 Bedeckungen.

Ein ähnlicher, wenn auch etwas weniger drastischer Rückgang lässt sich bei den Pony-und Kleinpferderassen beobachten. Auch die Teilnehmerzahlen bei den Hengstleistungsprüfungen und Stations- und Feldprüfungen für Zuchtstuten zeigen abwärts. Diese Daten entstammen dem Jahresbericht der FN aus 2024.

Die Gründe für den Rückgang in der Pferdezucht sind vielfältig, aber relativ offensichtlich. Die Pferdezucht war noch nie eine besonders einträgliche Beschäftigung. Abseits weniger Ausnahmen dürfen sich Züchter, die bei Verkauf ihrer Zuchtprodukte bei Null herauskommen, schon seit langer Zeit glücklich schätzen. Nur den wenigsten gelingt es, daraus überhaupt einen finanziellen Vorteil zu schöpfen.

Warum also züchten Züchter? Die Antwort ist in vielen Fällen die Leidenschaft für das Pferd in den unzähligen Ausprägungen, die sich unter Pferdemenschen finden.

Wenn aber viele Züchter beim Züchten ohnehin bewusst Geld verlieren (Stichwort „Hobby“), warum hören sie dann ausgerechnet jetzt auf zu züchten?

Die Lage hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verschärft. Die Erhöhung der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) hat das finanzielle Risiko einer Erkrankung des eigenen Pferdes für Pferdehalter stark erhöht.

Anders als z.B. in Großbritannien war es in Deutschland bis vor einiger Zeit vollkommen unüblich, eine Krankenvollversicherung für seine Tiere zu haben. Die Nachfrage nach solchen Angeboten steigt aber scheinbar, und diese Entwicklung scheint die nun nicht mehr ganz so neue GOT nur noch befeuert zu haben. Die marktsteuernden Auswirkungen dieses Kreislaufs sollen hier nicht Thema sein – möglicherweise widme ich mich dem Thema und meiner Erfahrung damit in Großbritannien aber einmal in einem anderen Post.

Für Züchter bedeutet diese Entwicklung aber noch ein viel größeres Problem. Wer nicht selbst Tierarzt ist, hat jährlich mit erheblichen Tierarztkosten zu rechnen. Tupferproben, Besamung, Trächtigkeitskontrolle (mehrfach), Impfungen, etwaige Komplikationen oder Kontrollen im Verlauf der Trächtigkeit.

Die Kosten hierfür haben sich in den letzten Jahren grob verdoppelt. Manche Behandlungen (z.B. Röntgenaufnahmen) sind günstiger geworden, andere deutlich teurer. Dazu kommt die neue Hausbesuchsgebühr etc. So sind die Kosten insgesamt deutlich gestiegen.

Diese Entwicklung, gepaart mit der allgemeinen Inflation, die in der gesellschaftlichen Breite spürbar ist, hat viele Züchter an den Rand ihrer finanziellen Möglichkeiten gebracht. Das Hobby Pferdezucht hat eine Kostensteigerung erlebt, bei der für viele Züchter eine Schmerzgrenze erreicht wurde.

Denn gleichzeitig sinkt die Anzahl der potentiellen Käufer. Und zwar nicht nur, weil die Anzahl der Reiter sinkt, die im organisierten Pferdesport unterwegs sind und diese Pferde kaufen können. Sondern auch, weil diejenigen Reiter, die vorhanden sind, nicht plötzlich deutlich finanzstärker geworden sind. Sind aber die Kosten für die Zucht und Aufzucht eines Fohlens so erheblich gestiegen, müssten die Kunden theoretisch auch einen deutlich höheren Kaufpreis bezahlen können, damit Züchter noch genügend Geld für ihre Zuchtprodukte bekommen, um die Zucht nicht aufzugeben. Die Gehaltsentwicklung in Deutschland hat aber in der Breite nicht mit der Entwicklung der Inflation oder den punktuell noch deutlicher spürbaren Kostensteigerungen im Agrar- und veterinärmedizinischen Sektor Schritt halten können. 

Und so haben sich viele Pferdezüchter entschieden, die Pferdezucht aufzugeben – sicherlich mit schwerem Herzen.

Interessant für mich ist heute aber eine andere Frage:

Wer sind die Menschen, die heutzutage noch anfangen, Pferde zu züchten?

Die kurze Antwort könnte lauten: Hoffnungslose Idealisten.

Mangels entsprechender Statistiken kann ich über die ausführlichere Antwort nur anhand meiner eigenen Nachbereichsempirie spekulieren, möchte mich aber daran versuchen, eine empirisch gestützte These aufzustellen.

Aktive Reiter sind vorwiegend weiblich (78 Prozent) und im Durchschnitt 38 Jahre alt, gut ausgebildet und mit einem überdurchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommen ausgestattet (Quelle).

Gerade diese Gruppe ist nach meinen Beobachtungen in den vergangenen Jahren auch immer öfter als Züchter in Erscheinung getreten.

Der Grund dafür liegt auf der Hand. Ein Fohlen aus der eigenen Stute zu züchten ist für viele Reiter ein Traum. Manche möchten nur ein Fohlen züchten, andere möchten sich der Zucht längerfristig widmen. Manche möchten ein Fohlen kaufen, in der Hoffnung, dass eine gesunde Aufzucht und eine bekannte Historie ihnen weniger Probleme während der sportlichen Karriere ihres Pferdes beschert. Manche wollen aktuellen, problematischen Entwicklungen in der Pferdezucht selbst entgegenwirken.

Statistisch gesehen handelt es sich bei dieser Altersgruppe um diejenigen, die aus einer vormals jüngeren Alterskategorie, die seltener als Züchter in Erscheinung tritt, nun in ein Alter aufgestiegen sind, in dem langwierige Studiengänge, Berufseinstiege, Ausbildungen o.Ä. zu einem Ende gekommen sind und erstmals auch die finanziellen Möglichkeiten bestehen, das Projekt “Zucht” anzugehen. 2001 machte die Gruppe der 14 bis 19-jährigen Reiter noch 39 Prozent der aktiven Reiter aus. Diese Altersgruppe macht inzwischen nur noch ca. 26 Prozent der aktiven Reiter aus. Ein signifikantes Nachwuchsproblem für den Reitsport macht sich also bemerkbar. Diejenigen, die aber zu der 2001 noch deutlich größeren Gruppe der pferdebegeisterten Teenager gezählt haben, sind jetzt in einem Alter, in dem sie auch in größeren Zahlen als Züchter in Erscheinung treten (können). Während ältere Züchter entweder aufgrund der Marktentwicklung oder aus Altersgründen das Züchten aufgeben, macht diese Gruppe nun einen höheren prozentualen Anteil der Züchterschaft aus – so jedenfalls meine Vermutung. Das hat gleich mehrere Veränderungen zur Folge, die sich in Zukunft noch stärker bemerkbar machen dürfte.

“Produktionskosten” als steigender Faktor

Diese Reiter-Züchter haben zunächst in der Regel keine eigene Reitanlage bzw. Flächen um ihre Pferde zu halten und müssen sie in einem Pensionsstall halten. Deutschland als Pferdeland bietet für diese Vorhaben die richtige Infrastruktur. Zuchtstutenpensionen mit Geburtsüberwachung und gute Aufzuchtbetriebe haben dem Vernehmen nach rege Nachfrage.

Dieser Service aber kostet Geld und ist, gerade in der Nähe der Großstädte, wo viele finanzstärkere Reiterinnen zuhause sind, meist so weit entfernt, dass Rundumversorgung garantiert sein muss. Die „Produktionskosten“ für ein dreijähriges Pferd erhöhen sich damit, das Verlustgeschäft wird gegebenenfalls noch größer.

Auch finanzstärkere Haushalte können daher meist nur ein bis zwei Stuten halten und besamen und das möglicherweise auch nicht jedes Jahr. Immerhin erhöht sich die Anzahl der zu versorgenden Pferde dann zunächst auch jedes Jahr – und der Fohlenmarkt bewegt sich nur schleppend.

Fehlender Wissenstransfer

Viele dieser neuen Züchter kommen aus Familien, in denen die Pferdezucht kein Generationengeschäft ist. Züchterwissen und über Jahrzehnte gepflegte Stutenstämme gibt es nicht. Gleichzeitig ist die Menge an verfügbaren Ressourcen für neue Pferdezüchter sehr überschaubar. Foren, Social Media, Facebookgruppen etc. bieten zwar Gelegenheit für Austausch – häufig aber verlaufen diese Diskussionen auch im Sande und stiften mehr Verwirrung als Nutzen. Soweit es noch Bücher gibt, die sich mit der Pferdezucht beschäftigen, sind diese in wissenschaftlicher Hinsicht oft veraltet und nur noch antiquarisch erhältlich.

Die Rolle der Zuchtverbände

Die Zuchtverbände und Hengsthalter täten gut daran, sich besonders um diese neuen Züchter zu bemühen. Einige Verbände haben diese Entwicklung bereits bemerkt. So bietet beispielsweise der Hannoveraner Verband seit einigen Jahren Online-Seminare zum Einstieg in die Pferdezucht an, darunter Seminare zur Stutenbeurteilung und zu den Formalien, die auf einen Pferdezüchter zukommen. Denn allein der notwendige “Papierkram” rund um Stuteneintragung, Deckschein und Fohleneintragung erschließt sich dem Neuzüchter nicht unbedingt von selbst. Die Grundlagen der Exterieurbeurteilung, Abstammungsanalyse und Hengstauswahl wollen gelernt sein, wenn eine vernünftige Anpaarungsentscheidung getroffen werden soll. Solche Angebote sind dringend notwendig und aus meiner Sicht absolut begrüßenswert.

Anderenfalls passiert, was mir nun schon des öfteren über den Weg gelaufen ist: Hengstauswahl nach fragwürdigen Kriterien. Ein heißgeliebtes, aber untalentiertes Fohlen, das unter Umständen gesundheitlich keinen Deut besser aufgestellt ist, als ein für deutlich weniger Geld am Markt verfügbares Jungpferd (das Verlustgeschäft eines Anderen) und vielleicht reiterlich überhaupt nicht nach dem Geschmack des Züchters ist, sofern es zum Eigenbedarf gedacht ist. Das Ergebnis eines solchen Abenteuers ist damit leider für so manchen Neuzüchter ernüchternd und verlangt dann angesichts der Kosten auch nicht nach Wiederholung.

Wer aber, wenn nicht die berufstätigen Liebhaber, die auch bei erheblichem ökonomischem Gegenwind in kleinem Stil Pferde züchten können und wollen, soll den Schwund an alteingesessenen Züchtern auffangen?

Und wer, wenn nicht die Zuchtverbände, sollte ein Interesse daran haben, diesen Neuzüchtern Fachwissen zu vermitteln, das es ihnen ermöglicht, an dem ursprünglichen Gedanken der Pferdezucht festzuhalten, nämlich die Population zu verbessern?

Wo Wissen und Erfahrung verloren geht, leidet auch die Qualität der Population darunter. Erfahrene Züchter und Neuzüchter zusammenzubringen und einen Wissenstransfer älterer Generationen an jüngere Pferdezüchtergenerationen zu ermöglichen, ist ungemein wichtig.

Jungzüchter für erwachsene Neuzüchter?

Es ist leicht, Probleme zu benennen. Schwerer ist es, sie zu beheben. Für junge Menschen gibt es die Jungzüchter. Wer in diesem Alter nicht die Möglichkeit, das Interesse oder das Wissen um diese Angebote hatte, ist ab dem Alter von 25 Jahren auf sich allein gestellt. Jenes Wissen, das den Jungzüchtern vermittelt wird, würde aber auch den erwachsenen Neuzüchtern gut tun. Ohne Frage müssten dabei gewisse Anpassungen vornehmen, um einem solchen Format zu Erfolg zu verhelfen. Als Wochenendseminare (für Berufstätige passend) z.B., mit regelmäßigen Besuchen bei verschiedenen Zuchtbetrieben, um dort Einblicke in die Arbeitsweise erfahrener Züchter zu gewinnen. Das bringt den weiteren Vorteil einer Vernetzung zwischen Neu- und Altzüchtern. Für Hengststationen könnte der Marketingeffekt ein angenehmer Nebeneffekt sein. Gut und pferdefreundlich gerittene Hengste und vorbildliche Haltungsbedingungen sind den jüngeren Generationen wichtiger geworden und könnten sich in guter Kundschaft für die jeweilige Station niederschlagen. Diese Fortbildungsmöglichkeiten müssen sich auch nicht nur an Zuchtanfänger richten. Wer sich nicht vorwärts bewegt, bewegt sich bekanntlich rückwärts. Ich bin mir sicher, dass viele Züchter sich gerne weiterbilden würden. Und die Zuchtverbände werden in Zukunft mehr Marketing betreiben müssen, um Neuzüchter zu gewinnen und bei der Stange zu halten. Solche Beständigkeit entwickelt sich am besten, wenn eine Gemeinschaft, eine “Community”, wie man heute so schön sagt, geschaffen wird.

Online-Seminare sind ein Medium, mit dem viele Menschen erreicht werden können. Die thematischen Möglichkeiten sind weitreichend und werden von den Verbänden, wie bereits erwähnt, auch schon teilweise bespielt.

Auch die Möglichkeiten von Social Media sind seitens der Verbände und Hengststationen noch lange nicht ausgereizt. Ein Treffen für interessierte Züchter mit einem Experten anlässlich einer Turnier- oder Zuchtveranstaltung, beworben über entsprechende Social Media-Kanäle. Ein Seminar zur Fohlenbeurteilung anhand einer Fohlenschau mit einem darauffolgenden Gespräch mit den Richtern. Der Vorstellungskraft sind in diesem Bereich eigentlich nur wenige Grenzen gesetzt.

Ein wichtiger Appell zum Schluss:

Zuchtverbände, Hengststationen und alle anderen Dienstleister aus der deutschen Pferdezucht sollten Zuchtanfänger wie auch die leidenschaftlichen Einzelzüchter mit nur wenigen Stuten wärmstens willkommen heißen und unterstützen. Dazu gehört nicht nur guter Service (wie oft schon habe ich erlebt, dass man bei einem der größten Zuchtverbände Deutschlands telefonisch zu den Geschäftszeiten niemanden erreicht). Sondern auch, sich nicht zu verhalten, als wäre man eine geschlossene Gesellschaft. Gerade Hobbyzüchter mit ein oder zwei Stuten freuen sich über einen ausführlichen Kommentar zu ihrem Fohlen und ihrer Stute anhand der Fohlenschau. So manche Fohlenschau ist in dieser Hinsicht ein Trauerspiel und die Benotung für den Züchter kaum nachvollziehbar. Ein befreundeter Züchter erzählte mir enttäuscht, er sei extra zu einer großen Fohlenschau gefahren und habe sich eine Einschätzung der Qualität seines Fohlens erhofft. Zurück kam er mit drei knappen Sätzen und der Erkenntnis, eine solche Schau nicht noch einmal zu besuchen. Einen Lerneffekt oder Erkenntnisse für die Zukunft kann der Züchter daraus nicht mitnehmen.

Wer eine bessere Pferdezucht, gut besuchte Veranstaltungen und engagierte, begeisterte Züchter möchte, muss auch die Rahmenbedingungen schaffen, die Züchtern die Fortbildung und Verbesserung ihrer Zucht ermöglichen, und gleichzeitig transparente, wertschätzende Veranstaltungen schaffen, die für den Züchter einen Mehrwert darstellen. Dann sind Züchter, die die Pferdezucht nach wie vor aus Leidenschaft und Freude am Pferd betreiben, auch eher bereit, Kosten und Mühen auf sich zu nehmen.


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