Gedanken zur Hengstwahl: Cestuy La de L’Esques

“Ein absolutes Traumpferd” – Stephan Dubsky

Cestuy La de L’Esques AA – dieser Name stellt so manchen Kommentator vor Schwierigkeiten. Wie der Hengst selbst, hat der Name aber Wiedererkennungswert.

Es ist nicht mehr leicht, in Deutschland Hengste mit einem hohen Blutanteil zu finden. Die modernen, erfolgreichen Springzüchter orientieren sich deshalb bereits seit einigen Jahren zunehmend auch nach Frankreich und Belgien, wo sich noch deutlich mehr Hengste mit ausreichender Vollblutgrundlage finden, um reaktionsschnelle, international wettbewerbsfähige Pferde zu züchten. Wer dagegen hierzulande Vollblut mit Eigenleistung sucht, um sich selbst einen blutgeprägten Stamm aufzubauen oder der fortschreitenden Linienverengung entgegenzusteuern, kommt heutzutage an den französischen Anglo-Arabern kaum noch vorbei. Einer der erfolgreichsten Anglo-Araber im Springsport dürfte Cestuy La de L’Esques sein. Grund genug, den Hengst und seinen Stamm einmal genauer zu betrachten.

Auf den Hengst wurde ich bereits vor ein paar Jahren aufmerksam, als er aus Frankreich auf den Söderhof wechselte und damit auch in den Beritt von Stephan Dubsky gelangte. Cestuy La de L’Esques hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine eindrucksvolle Erfolgsbilanz im Vielseitigkeitssport.  Gekört in Frankreich, startete er seine Karriere unter dem Sattel von Thomas Carlile. Siebenjährig belegte er 2019 unter Thomas Carlile den 5. Rang bei der Weltmeisterschaft der jungen Vielseitigkeitspferde in Le Lion d’Angers (CCI3*) und war in weiteren CCI3*-L-Prüfungen siegreich und platziert.

Seit der Hengst in Deutschland ist, konzentriert sich seine Karriere auf den Springsport – und wie. Es war ein Video auf den Social Media-Seiten des Söderhofs, das mich vom Fleck weg begeisterte. Ein leichtfüßiges Pferd, katzenhaftes, vermögendes Springen und ein schnelles Vorderbein. Im Hamburger Speed-Derby 2024 dann eine überzeugende Vorstellung, die mir nicht mehr aus dem Kopf ging und ein vierter Platz. Dazu beigetragen hat sicherlich auch Stephan Dubsky, der den Hengst auf Turnieren in seiner typischen Art wunderbar harmonisch vorstellt. Stephan selbst bezeichnete den Hengst mir gegenüber als “absolutes Traumpferd”. Ein Qualitätssiegel, das ein Pferd sich erst einmal erarbeiten muss.

Als ich dann Anfang letzten Jahres ungeplant die Stute Betina v. Betel xx – Quick Dancer I (v. Quick Star xx) x Cosinus B kaufte, wollte zügig eine Entscheidung über den Hengst getroffen werden. Das Zuchtziel: Ein blütiges, vermögendes Vielseitigkeitspferd, stabil und gesund, mit einem sehr guten Charakter.

Die Wahl fiel auf Cestuy La de L’Esques. Einige essentialia vorweg: Der Hengst besitzt ein sehr korrektes Exterieur mit sehr guten, großen Hufen und stabiler Fesselung. Ein stimmiges Fundament mit einem passenden, aber kräftigen Röhrbeinumfang. Der inzwischen vierzehnjährige Hengst hat bislang eine mustergültige Sportkarriere hingelegt. Er ist im Springsport selbst bis 1,60m in Erscheinung getreten, national in S** siegreich und platziert und international bis CSI4* platziert. Das macht ihn zu dem derzeit im Springsport erfolgreichsten Nachkommen seines Vaters King Size. Der Hengst bewegt sich gut und hat eine rationelle Galoppade, die man sich gut auf langen Geländestrecken vorstellen kann. Im Sprungablauf wunderbar geschmeidig, das Vermögen scheinbar unbegrenzt. Typisch für den Anglo-Araber das manchmal etwas flacher eingeklappte Vorderbein, mit dem der Hengst seiner Erfolgsbilanz nach auch nur ungerne eine Stange berührt. Für Stuten, die zu einem langen oder zu „huntermäßigen“ Vorderbein neigen, ist er damit möglicherweise gut geeignet. 

Bild mit freundlicher Genehmigung des Gestüts Söderhof

Bereits bevor ich Cestuy persönlich kennenlernte, kam mir immer wieder zu Ohren, dass den Hengst neben allen sportlichen Erfolgen vor allem sein sehr guter Charakter auszeichnet. Umgänglich, freundlich, sehr rittig und sehr leistungsbereit, aber ausgeglichen und klar im Kopf. Stephan Dubsky selbst schwärmt von seiner Rittigkeit und Leistungsbereitschaft – “ein Traumpferd”, eben. Wenn Cestuy nicht mit Stephan im Springsport unterwegs ist, ist er z.B. auf den Social Media-Kanälen des Söderhofs unter Maria Lehnhardt auf Dressurlehrgängen zu sehen und zeigt sich auch dabei willig und keinesfalls untalentiert beim Piaffieren. Vielseitigkeitspferde ganz ohne Dressurtalent haben es heutzutage schwer, im Sport vorne mitzuhalten. Cestuy scheint dabei keine Sorgen zu haben. Im vergangenen August hatte ich die Möglichkeit, Cestuy auf dem Söderhof persönlich kennenzulernen. Mein Eindruck, dass es sich hier um ein äußerst intelligentes, korrektes Pferd mit einem sehr freundlichen Charakter handelt, bestätigte sich dabei. Nicht zuletzt ist man auch auf dem Söderhof voll des Lobes für den Charakter des Hengstes.

Mit Betina habe ich eine doppelbegabte Stute, deren Vererbung nach nur einem Fohlen bei ihrer Vorbesitzerin noch nicht eindeutig zu beurteilen ist. Die Stute verfügt über einen sehr guten Schritt, einen angenehmen, raumgreifenden Trab und einen guten, rationellen Galopp, der sie im Parcours sehr wendig macht. Sie ist rittig und vorsichtig, aber sensibel. Ein ausgeglichener Charakter war mir vor diesem Hintergrund besonders wichtig. Mit reichlich Vermögen ausgestattet, wünschte man sich manchmal einen etwas geschmeidigeren Ablauf über dem Sprung. Wichtig war mir zudem, möglichst nicht zu vergrößern. Mein Zuchtziel hinsichtlich des Stockmaßes liegt – heute vielleicht schon fast untypisch – bei 1,65m bis 1,70m. Cestuy La de L’Esques misst ca. 1,65m. Soweit bisher aus den Nachkommen zu erkennen, scheint er sich dabei nicht kleiner zu vererben. Eine vielversprechende junge Stute aus der Zucht des Söderhofs aus dem Jahrgang 2023 dürfte wohl eher in Richtung 1,70m tendieren. Cestuys in Polen gekörter Sohn Akani AA (siehe unten) misst 1,69m. Wirft man einen Blick auf die Maße der Vorfahren beiderseits, so scheint ein Maß zwischen 1,65cm und 1,70cm dort auch genetisch konsolidiert.

Bewegung, Springvermögen, Härte, Gesundheit, Leistungsbereitschaft sowie Rittigkeit – diese waren meine Vorstellungen, die der Hengst ohne weiteres erfüllt. Dass Cestuy La de L’Esques ein ausgesprochen schönes, charmantes Pferd ist, erfreut natürlich umso mehr.

Aus Frankreich ist zu hören (und lesen), dass die bereits gerittenen Nachkommen des Cestuy ganz nach ihrem Vater besonders rittig und leistungsbereit sein sollen. Die ersten seiner deutschen Nachkommen sind nun erst dreijährig, zeigen sich aber ungemein vielversprechend. Auf der Trakehner Fohlenauktion 2025 avancierte ein charmantes Fohlen v. Cestuy La de L’Esques x Tecumseh, das sich auch gut zu bewegen wusste, zu einem der Publikumslieblinge. Ältere Nachkommen des Hengstes aus anderen Ländern zeigen sich typvoll wie der Vater, mit vermögendem, geschmeidigem Springen. So z.B. der gekörte Anglo-Araber Akani AA v. Cestuy La de L’Esques – Argolida – Huzar, der in Polen auf dem Gestüt Stadniny Koni Janów Podlaski aufgestellt ist:

Der Stutenstamm

Cestuy entspringt einem Stamm, der für Leistung, Gesundheit und Härte steht. Cestuys Mutter Gaia of Ultan, selbst erfolgreich im Springen bis 1,40m, hat aus 11 Nachkommen gleich vier internationale Vielseitigkeitspferde und insgesamt drei gekörte Söhne gebracht. Sie ist Mutter des französischen Spitzenvielseitigkeitspferds Punch de L’Esques (v. Hermes d’Authieux). Seine Sportkarriere beinhaltete Top-Ten Ergebnisse in der CCI5*-L in Pau. Er beendete die Prüfung 2015 mit einem siebten Platz und 2016 mit einem zehnten Platz. Punch de L’Esques vertrat das französische Nationalteam bei der Europameisterschaft in Malmö in 2013 und gewann mit der Mannschaft die Bronzemedaille. Bei der Europameisterschaft in Luhmühlen in 2019 war Punch de L’Esques erneut Teil der französischen Nationalmannschaft. Als Spezialist für Indoor-Geländeprüfungen stehen zudem etliche Siege und Platzierungen zu Buche. Punch de L‘Esques wurde nach seiner Sportkarriere unter Karim Florent Laghouag im Alter von 20 Jahren nach einem Sieg in der Indoor-Cross Country-Prüfung in Bordeaux fit und gesund aus dem Spitzensport verabschiedet.

Die Anpaarung mit King Size hat offenbar gepasst, denn es existieren noch zwei weitere Vollgeschwister von King Size. Taiga de L’Esques (v. King Size) war bis 1,30m erfolgreich und scheint danach in die Zucht gewechselt zu sein. Der gekörte Vollbruder Blues King de L’Esques (v. King Size) ist bislang ebenfalls bis 1,30m erfolgreich. Ein weiterer, 2018 geborener und in Frankreich gekörter Vollbruder zu Cestuy La de L‘Esques, Ilesques du Loir AA (v. King Size) war vergangene Saison siebenjährig bis CCI2*-L erfolgreich. 

Ein weiterer gekörter Sohn der Gaia of Ultan, Vata de L’Esques v. Kashmir van Schuttershof komplettiert das Trio der gekörten Söhne. Er ist unter einer Amateurin in Frankreich in Springprüfungen bis 1,25m erfolgreich.

Auch die weiteren Halbgeschwister von Cestuy La de L’Esques sind beachtenswert: Bisher bis CCI3* erfolgreich ist die achtjährige Haia du Loir (v. Jaguar Mail) unter Christopher Six. Igor du Loir (v. Herald 3) war vergangene Saison siebenjährig unter Anne de Jamblinne Paulus bis CCI3*-S unterwegs.

Gaia of Ultan brachte zudem die Stute Karoleva (v. Apache d’Adriers). Karoleva wurde selbst bis 1,10m vorgestellt und wechselte dann in die Zucht, wo auch sie unter ihren zwölf Nachkommen eine hervorragende Nachkommenleistung vorzuweisen hat. Sie brachte die bis 1,60m erfolgreichen Tosca de L’Esques (v. Cardento), die bis 1,40m erfolgreiche Unika de L’Esques (v. Joyau de Bloye), den gekörten und bis 1,55m erfolgreichen Chabada de L’Esques (v. Quebracho Semilly), die jeweils bis 1,45m erfolgreichen Falbala de L’Esques (v. Joyau de Bloye) und Double Ka de L’Esques (v. Kannan GFE), sowie Illico de L’Esques (v. King Size AA), der bislang bis 1,25m Erfolge vorzuweisen hat. Karolevas Tochter Baraka de L’Esques (v. Chacco Blue)  hat unter ihren noch jungen Nachkommen bereits den bis 1,30m erfolgreichen Jackpot de L’Esques (v. Luidam) vorzuweisen.

Aus den 11 öffentlich nachvollziehbaren Nachkommen der Gaia of Ultan ist demnach nur ein einziger nicht sportlich in Erscheinung getreten, der 2015 geborene Fil de L’Esques (v. Valeur d’Elle).

Die väterliche Abstammung

Vater King Size ist selbst einer der prominentesten Hengste in der französischen Anglo-Araber-Zucht. Er war im Springen bis 1,40m (CSI3*) erfolgreich. In jungen Jahren wurde er in Frankreich auch in der Vielseitigkeit und in Dressurprüfungen erfolgreich vorgestellt. Sein Vater Osier du Maury AA war seinerzeit ebenfalls bis 1,40m erfolgreich, während der Stutenstamm ebenfalls von anglo-arabischem Leistungsblut geprägt ist. Unter den Nachkommen des King Size finden sich etliche erfolgreiche Sportpferde. Aus den 39 bei Horstelex registrierten Nachkommen, die angesichts der nur wenigen dort registrierten Anglo-Araber nur einen Teil seiner tatsächlichen Nachkommenzahl darstellen dürften, sind ganze neun (also nahezu 25%) im internationalen Vielseitigkeitssport zwischen CCI2* und CCI4* erfolgreich in Erscheinung getreten, davon vier Stück in CCI3* und CCI4*-Prüfungen. Dazu kommen diverse Springpferde, die erfolgreich im Turniersport aktiv sind. So etwa der für Selle Francais gekörte Tino de Novolieu, der zunächst mit Maxime Couderc bis 1,45m im Springsport erfolgreich war. Danach wechselte er zu der für Liechtenstein reitenden Jennifer Hochstädter. Sie ritt Tino de Nouvolieu bis 1,40m. Von 2022 bis 2023 trat er noch unter Manon Jeanteur im internationalen Amateursport bis 1,25m in Erscheinung. Blues King de L’Esques und Ilesques du Loir, beide gekört, sind sporterfolgreiche Vollbrüder zu Cestuy La de L’Esques. in Frankreich gekört. King Size brachte zudem den gekörten Sun King de L’Esques, der 2012 an einer Kolik verstarb.

Fazit

Ich halte Cestuy La de L’Esques für einen ungemein interessanten Hengst und eine hervorragende Blutalternative für die Vielseitigkeits- und Springpferdezucht. In einer Zeit der Linienverengung ist es für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Gesamtpopulation wichtig, frische Genetik zuzuführen. Wichtig ist dabei aber, gesunde, leistungsfähige, leistungsbereite Hengste einzusetzen. Cestuy vereint das zuchttheoretische Bedürfnis, neue Genetik einzusetzen, ohne dabei in Qualität oder Leistung Abstriche zu machen. Im Gegenteil: Der Hengst bringt ein Maß an Korrektheit, Rittigkeit und bewiesener Leistungsfähigkeit, gepaart mit abgesicherter Leistung väterlicherseits und mütterlicherseits, das der deutschen Pferdezucht ein Gewinn sein dürfte. Geist, Intelligenz, Gesundheit und eine gute Portion Charme kommen nicht aus der Mode. Die bisherigen Nachkommen sind vielversprechend und lassen hoffen, dass der Hengst in den nächsten Jahren wachsenden Zuspruch auch von jenen Züchtern erhalten wird, die dem (reinen) Blüter gegenüber skeptisch sind. Eine Anpaarungsentscheidung ist letztlich auch eine Frage des eigenen Gefühls und eine gute Portion Meinung – mag ich den Hengst, meine ich, dass die Anpaarung passt? Die Antwort lautete für mich bei der Anpaarung Cestuy La de L’Esques x Betina eindeutig “ja”. Auf das Ergebnis ca. März 2026 bin ich gespannt wie ein Flitzebogen.


Posted

in

Comments

Leave a comment